Wenn mein Vater flucht…

Eigentlich hatte ich ja auf das neue Jahrtausend meine Hoffnung gesetzt. Dachte, dass mein Alter endlich mit dem Fluchen aufhört. Weit gefehlt, läuft zur besten Form auf. Hat sich schon gleich zu Beginn des neuen Jahres eingeflucht. Wir waren ja gut auf alle Eventualitäten vorbereitet, die Keller waren voller Getränke, der Gefrierschrank bis zum Bersten gefüllt, die Kerzen standen bereit, sogar ein Notaggregat hatte mein Milleniumsvater gekauft und dann… Aber da fällt mir gerade noch etwas ein. Habe ich doch meinen Vater gefragt, was er tun würde, wenn in der nächsten Minute eine Atombombe in Bad Nauheim hochgehen würde. Und was hat er gesagt? Er würde mir in dieser letzten Minute eine Tracht Prügel verabreichen, weil es das wäre, was ich noch nie erlebt hätte. Sehen sie jetzt, was ich für einen niederträchtigen Vater habe, als wenn er dann nix besseres zu tun hätte.

Aber weiter mit diesem Jahrtausendwechsel. Am meisten Angst hatte mein Vater um seinen Computer. Ist zwar nur ein 133er, aber sein Heiligtum und das sogar ohne Gehäuse. Mehrmals hat er die Systemuhr vorgestellt, zurückgestellt, auf eventuelle Fehlermeldungen geachtet und Check-Programme das System überprüfen lassen. Und dann der Jahrtausendwechsel. Nix ist passiert, keine Ampel ausgefallen, noch nicht mal die an der Ecke Frankfurter Str./Steinfurther Str., kein Stromausfall, keine Flugzeuge sind vom Himmel gefallen, keine Züge entgleist, kein Atomkraftwerk hat „gegaut“ und der Computer hat auch noch ohne Probleme funktioniert. Und das hat natürlich zum Fluchen geführt. Die gesamte Geldausgabe umsonst (mir graut schon vor der Unmenge an tiefgefrorenen Spinat) und warum? Weil irgendwelche Geschäftemacher ihre neue Software verkaufen und natürlich teure Wartungsarbeiten durchführen wollten. Aber wahrscheinlich sind wir alle auch selbst schuld. Ein neues Jahrtausend (auch wenn es erst im nächsten Jahr beginnt) animiert natürlich zu der Suche nach Großartigem, Unvorhergesehenen, nach Omen und Mystik, nach Weltuntergangsstimmung und nach neuem Aufbruch. Und was hat sich in Wahrheit geändert? Nix. Die Sonne versorgt die Erde trotz des neuen Jahrtausends weiter mit Licht und Wärme, der Mond scheint weiter auf gute und schlechte Menschen, kranke Menschen leiden weiter, gesunde Menschen hetzen weiter ihrem Leben hinterher, Politiker treiben weiter ihr Spiel mit den Wählern, mein Vater wird weiter fluchen, Bad Nauheim wird weiter dahindämmern und die Schule wird auch nicht geschlossen. Also bleibt mir auch nichts anderes übrig, als mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Dass es mir und Ihnen gelingt und wir alle irgendwann zufrieden zurückschauen können wünscht sich

BG

N.S.: Irgendwann zum Jahrtausendwechsel entstanden. Immer noch aktuell?