habe ja schon lange nichts mehr von mir hören lassen. Lag daran, dass ich einen Bruder bekommen habe. Als ob meine Eltern und mein Opa mit mir nicht genug zu tun hätten. Und der Kerl nervt. Ist von der Rubrik: alles meins. Alles, auch meine Spielsachen, gehören ihm. Muss mal schauen was ich dagegen machen kann. Mir wird schön etwas einfallen, vielleicht versuche ich es mal mit Juckpulver. Soll bei meinem Opa zu seiner Zeit mal der Renner gewesen sein

Und da wir mal bei meinem Opa sind, der hat jetzt ein Problem. Nein, nicht ich, Corona heißt sein Problem. Opa kommt nur noch selten und dann trägt er eine Maske und hält sich nur im Garten auf. Als ich ihn gefragt habe ob er einen Überfall plant, hat er natürlich wieder mit dem Pamperskloppen gedroht. Dabei trage ich schon seit Jahren keine Pampers mehr. Soll er doch meinen Bruder verkloppen, der hat es bestimmt verdient. Ich habe ihn dann aber doch nach Corona gefragt. Ist wohl so eine Art Virus. Wenn ich richtig zugehört habe, sind das kleine Kerlchen, die in den Körper eindringen und dort Schaden anrichten. So wie mein Bruder. Ich habe dann meinen Opa gefragt, wie denn so ein Virus entsteht, bei meinem Bruder kann ich es mir denken. Und jetzt kam er richtig in Fahrt. Dieser Virus ist nur da, weil die Chinesen alles essen, sagt er. Hat mich wieder nachdenklich gemacht und über seinen Geisteszustand grübeln lassen. Wenn ich etwas esse, dann ist es doch weg. Na ja, vielleicht haben die Chinesen nicht richtig gekaut.

Dann ist er aber ernst geworden und hat mir von seinen Problemen erzählt. Ist Mitglied einer Risikogruppe, für die das Virus tödlich wäre. Und jetzt hofft er auf die Solidarität unserer Gesellschaft, die ihn nicht sterben lässt. Soll aber nicht so weit her sein mit der Solidarität. Gibt wohl immer noch Gruppen, denen Risikogruppen und ältere Menschen egal sind. Lehnen Masken ab und feiern bis zum Umfallen. Da ist mir bewusst geworden, dass seine Maske mich schützen soll, damit ich den Virus nicht essen muss. Ist aber wohl nicht allen Menschen bewusst. Er hat dann von Covidioten gesprochen. Also Verleugner der Gefahr, die durch das Virus entsteht. Mein Opa begreift nicht, warum unsere Spaßgesellschaft nicht für einen absehbaren Zeitraum Rücksicht nehmen kann. Hat dann von einer Begegnung mit einem älteren Herrn erzählt. Ja, es gibt noch Menschen, die älter als mein Opa sind. Der hat erzählt: „Ich war sechs Jahre alt, als in meiner Heimatstadt Hamburg die Bomben fielen. Das dauerte zwei, drei Jahre lang, in denen ich immer wieder in den Bombenschutzkeller mit meiner Mutter musste. Wir haben das damals aushalten müssen. Warum können die Menschen heute nicht einmal ein paar Monaten diese Corona-Einschränkungen ertragen?“ Das habe ich mich dann auch gefragt. Jetzt ist mein Opa wieder in seine Isolation verschwunden. Hätte nie gedacht, dass er mir mal fehlen würde. Dass geht aber bestimmt vielen Enkeln so. Und darüber sollten die Coronaverneiner mal nachdenken.